Hochschul­schrift

Die lila Latzhose und andere Mythen

geb. 1986, ist Historikerin und promoviert am Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Erfurt.

Schon als Studentin der Geschichts- und Politikwissenschaften hatte ich großes Interesse an der aktuellen medialen Diskussion zeithistorischer Themen. Im Zeitraum meines Bachelorstudiums wurde auf Grundlage diverser Buchpublikationen, vor allem aus dem Jahr 2008, quer durch alle Medien über einen sogenannten „neuen Feminismus“ diskutiert. Ich verfolgte diese Debatte gespannt. Mich persönlich störte die klischeebeladene Reflexion der bundesdeutschen neuen Frauenbewegung und ihrer Akteurinnen.

Die „neuen“ Feministinnen legten oft sehr großen Wert darauf, sich öffentlich von diversen „Radikalitäten“ zu distanzieren. Sie betonten, dass Feministinnen heute sexy sein dürften und nicht auf das Tragen von Stöckelschuhen oder Lippenstift verzichten müssten, wie es die Vorgängerinnen in den 70er Jahren getan hätten. Hierbei wurden diverse Mythen über die Kleidungs- und Protestpraxis der neuen Frauenbewegung rezitiert, die dann auch Eingang in den Titel meiner Bachelorarbeit fanden; allen voran die lila Latzhose, dicht gefolgt von BH-Verbrennungen. Diesen Klischeebildern wollte ich mit meiner Analyse auf den Grund gehen.

Ich teilte meine Arbeit über die „Kleidungsgeschichte der Frauenbewegung“ in die Bereiche Körper und Geschlecht, Protest und Sozialstruktur und setzte diese mit dem Thema Kleidung in Beziehung. Für meine Recherchen besuchte ich das FFBIZ und ließ mich von der damaligen Archivleiterin Ursula Nienhaus beraten. Schnell stellte sich heraus, dass es schwierig werden würde, im Rahmen einer Bachelorarbeit griffiges Quellenmaterial für meine Fragestellung zu finden. Glücklicherweise zeigte sich Ursula Nienhaus sofort bereit, mir ein Zeitzeuginnen-Interview zu geben. Als Zweite konnte ich Eva Quistorp für ein Interview gewinnen, die schon das Seminar zu den neuen sozialen Bewegungen in der Bundesrepublik besucht hatte, aus dem heraus ich meine Bachelorarbeit entwickelt hatte.

Das Spannende war, dass beide ein ganz unterschiedliches persönliches Verhältnis zum Thema Kleidung hatten, sodass ich in meiner Arbeit eine ganze Bandbreite an Themen behandeln konnte. Während Ursula Nienhaus den class-gebundenen Umgang mit Kleidung betonte – Stichwort (Latz-)Hosen und Arbeitskleidung –, verwies Eva Quistorp auch auf den performativen Charakter betont weiblicher Kleidung und das konsumkritische „Trödeln“ in der feministischen Szene. Ich schloss mit ihrem kritischen Statement, wonach mit der klischeebeladenen öffentlichen Diskussion versucht werde, die Frauenbewegung „in ihrer historischen Breite und Bedeutung kleinzuhalten“. Zudem finden ebenjene Mythen in der Kleidungspraxis der Frauenbewegung nur bedingt eine Entsprechung, so mein Fazit.

Wenngleich ich das Thema heute vielleicht anders anfassen und vor allem methodisch anders mit Zeitzeuginnen-Interviews umgehen würde, steht meine Bachelorarbeit für mich richtungsweisend für meinen weiteren Werdegang. Geleitet von meinen Interessen für die öffentliche Verhandlung von (Zeit-)Geschichte und Gender habe ich den Masterstudiengang Public History (FU Berlin) absolviert und gleichzeitig Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung am gleichnamigen Zentrum der Technischen Universität Berlin studiert. Diese Themen erforsche ich weiter: Ich stehe nun am Beginn meiner Promotion zu der Frage, wie sich die Feministinnen in der Bundesrepublik der 1970er und 1980er Jahre mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben. Ich freue mich, für diese Arbeit wieder – und weitaus häufiger als für meine Bachelorarbeit – ins FFBIZ zu kommen.