Zeitungsartikel

Wer Ver­gewaltigung sagt, muss auch sex­uelle Selbst­bestim­mung sagen

Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin, 2016 erschien ihre Kulturgeschichte Vergewaltigung bei der Edition Nautilus

Was ist die Frage, wenn die Antwort Korbblütler, Orange und die Änderung des § 177 von 1997 lautet? Natürlich: Was ist deine Lieblingspflanzenart, -farbe und ‑strafrechtsreform? Nun mag jede*r Orange und Korbblütler und orange Korbblütler wie mexikanische Sonnenblumen. Aber nicht alle haben eine Lieblingssexualstrafrechtreform. Lasst mich erklären:

In meinem Leben wurde das Sexualstrafrecht bereits dreimal geändert. Berichtigung: dreimal in dem Land, in dem ich lebe. Anscheinend haben wir alle 20 Jahre das Bedürfnis, neu zu verhandeln, was gesellschaftlich angemessene Sexualität ist und was nicht. So wurde der § 175, der homosexuelle Handlungen zwischen Männern zu einer Straftat machte, erst 1994 gestrichen. Bis dahin beinhaltete eine (unvollständige) Liste von Sexualverbrechen Vergewaltigung, Homosexualität und Prostitution. Okay, Prostitution war eine Sittenwidrigkeit, was eine Sonderform ist, aber ebenso strafbar.

Mit der Entkriminalisierung und Legalisierung von Homosexualität war es 1997 zum ersten Mal möglich, das Sexualstrafrecht so zu formulieren, dass es dabei nicht mehr um den Schutz der „richtigen Sexualität“ – also der Ehe und der Familie wie noch vor der Strafrechtsreform von 1974 – ging, sondern um den Schutz der sex­uellen Selbstbestimmung. Das bedeutete, dass es nicht mehr nur strafbar war, eine Frau, mit der man nicht verheiratet war, zum Beischlaf zu zwingen – sprich mit dem Penis zu penetrieren – sondern dass man auch eine Frau, mit der man verheiratet war, nicht mehr gegen deren Willen penetrieren durfte. Wenn das ein Radiobeitrag wäre, würde ich hier einen Tusch einbauen. Dass Vergewaltigung in der Ehe eine Straftat sein konnte, war vor 1997 so unvorstellbar, wie es danach unvorstellbar wurde, dass eine Vergewaltigung in der Ehe keine Vergewaltigung war. Ich hoffe, ich mache mich verständlich?

Denn es ging noch weiter. Auch vergleichbare sexuelle Handlungen wurden Straftat­bestandteil, wenn sie gegen den Willen der anderen Person ausgeführt wurden. Noch ein Tusch. Denn eine orale oder anale Vergewaltigung war bis dato keine Vergewaltigung, weil die Frau dabei nicht schwanger werden konnte und – wir erinnern uns – es nicht um die sex­uelle Selbstbestimmung ging, sondern darum, so gut wie möglich sicherzustellen, dass in einer Ehe nur die Kinder des Ehemannes geboren wurden.

Doch damit nicht genug, wurde das Konzept der sexuellen Selbstbestimmung 1997 zum ersten Mal auf alle Geschlechter ausgeweitet und Opfer und Täter geschlechtsneutral formuliert. Die Antwort auf die Frage „Warum ist Vergewaltigung ein Verbrechen, das von Männern an Frauen begangen wird?“ konnte bis 1997 eindeutig beantwortet werden: Weil alle anderen Formen von Vergewaltigung nach unserem Gesetz keine Vergewaltigung waren. (Unglaublich? Dann muss man nur in die Schweiz schauen. Dort braucht ein Vergewaltiger nach wie vor einen Penis, um eine Frau zu penetrieren. Ansonsten ist eine Vergewaltigung keine Vergewaltigung.)

Das lag streng genommen nicht daran, dass das deutsche Gesetz Männern gegenüber so sexistisch war, obwohl es das natürlich war, sondern dass man sich nicht vorstellen konnte, dass Frauen genügend Libido hätten, um überhaupt aktiv Sex zu betreiben. Deshalb war Homosexualität auch nur bei Männern eine Straftat, bei Frauen gab es die Vorstellung, dass sie halt Händchen halten und sich verliebt anschmachten würden. Das deutsche Gesetz war also allen Geschlechtern gegenüber sexistisch, nur halt unterschiedlich sexistisch.

Die Reform des Sexualstrafrechts, die im Juli 1997 in Kraft trat, ist deshalb nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution. Dritter Tusch!