Kaktus

Wir gehen den Weg
in den Nebel der Welt …

ist Schriftstellerin und Fotografin. Sie engagiert sich seit vierzig Jahren in lesbischfeministischen Kunst- und Kulturprojekten sowie der Erinnerungskultur. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen von ihr finden sich unter www.literaturport.de.

I.

Erst jetzt habe ich erfahren, dass Hilde Radusch eine Vorliebe für Kakteen hatte. So freut es mich, dass ein Kaktus mit anderen ihrer Objekte, mit Schriften und Briefwechseln ihres Nachlasses, im FFBIZ aufbewahrt wird.

Ich erinnere mich an Hilde, als sie Mitte der Achtzigerjahre in der Lesben-Kultur-Etage ARAQUIN, in der ich tätig war, aus ihrem bewegten und bewegenden Leben erzählte: von ihrer kommunistischen Gesinnung, von ihren lebensbedrohlichen Aktivitäten mit ihrer Freundin Else „Eddy“ Klopsch, ihren Verhaftungen im Nationalsozialismus, ihren Überlebensstrategien, vom letzten eiskalten Kriegswinter, der Hungersnot, versteckt mit Eddy in einer Laube am Rande Berlins. Aus ihrer lesbischen Lebensweise machte sie kein Hehl, selbstverständlich und offen trat sie dafür ein.

So gehörte sie mit der Aktivistin Kitty Kuse und der Malerin Gertrude Sandmann 1974 zu den Gründerinnen der Lesbengruppe L74. Es war die erste Gruppe der Nachkriegszeit für ältere berufstätige Lesben, die bald Unsere Kleine Zeitung, die UKZ herausgab. Es beeindruckt mich noch heute, dass und wie alle drei die Vergangenheit mit ihren persönlichen Erlebnissen in unsere Gegenwart brachten. Sie schlugen eine Brücke von den 30er zu den 70er Jahren, zu den jungen Lesben der Neuen Frauenbewegung. In diesen radikal-feministischen Aufbruchsjahren mag es nicht immer einfach für Hilde gewesen sein, ihre lesbische Identität wie in diesem Gedicht zu definieren: „Ich habe mich nie als Frau gefühlt … Aber frage mich nicht, als was sonst.“



II.

Erst in den letzten Jahren, seit ich mich im Rahmen des Freundinnenkreises Rememberries mit Gedenktafeln in Schöneberg und Gedenksteinsetzungen auf dem Alten St.-Matthäus- Kirchhof für eine feministische Erinnerungskultur einsetze, lernte ich Hilde posthum als Dichterin kennen und schätzen. Ich war fasziniert von ihrem 1978 erschienenen Gedichtband Zusammengeharktes (einsehbar im FFBIZ). Zu dem Titel schreibt Hilde: „Aus den Impressionen der letzten zwanzig Jahre habe ich einiges, das mir gefiel herausgesucht = zusammengeharkt. Dieser ausgefallene Name ist vielleicht mit meiner Liebe zur Natur und dem mir natürlichen Leben zu erklären.“

Und hier kommt wieder der Kaktus ins Spiel, Hildes Liebe zu Pflanzen in ihrer Wohnung und über ihren Balkon hinaus zur Natur im Allgemeinen. In ihren Gedichten bringt sie uns die bitteren und freudigen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken ihres Lebens vorwiegend durch Naturbewegungen nahe. Sie spiegeln sich in dunklen Wolken, fächelndem Wind, im weiten Himmel.

Hier einige Zeilen, aus ihren Gedichten zusammengeharkt: Die Weite blaut / die Wolken ziehen. / Ein Spinnweb bin ich / fliegend / im leichten Wind
Und sie fragt: Warum kann man den Horizont / nicht mit einem Pinselstrich / An den Himmel schreiben?
Dem Tod widmet sie unter anderem diese Zeilen: Du sahst in den Apfelbäumen leere Arme / und Deine Augen füllten sich mit Tränen.
Neben kurzen Begegnungen, die wie Sekt im Munde sind oder süß und lange nachklingen, immer wieder Abschiede, Einsamkeit und Alleinsein: Du gingst / Und ließest mich / Allein zurück / Zum Frieren einsam

Mit ihrem Gedicht Wir gehen den Weg, das ich zum ersten Mal auf einer der Tafeln ihres Gedenkortes in Berlin-Schöneberg las, gibt Hilde einen für mich umfassenden Einblick in ihr Leben und ihre Sichtweise.